Schlesischer Weberaufstand

D E R S C H L E S I S C H E   W E B E R A U F S T A N D   1 8 4 41

 

Gerhart Hauptmanns Drama ,,Die Weber" gehört wohl immer noch zum deutschen Literaturkanon. Peterswaldau und Langenbielau, die Schauplätze liegen in Kreisau sozusagen vor der Tür. Sie gehören zu dem Kulturraum, in dem sich Kreisau befindet. Liest man etwas nach, dann wird Erstaunliches deutlich: am 4. und 5. Juli 1844 fand ein Arbeiteraufstand statt wie viele andere in jener Zeit auch. Doch für die Zeitgenossen und nachfolgende Gene ­rationen war er eine Sensation. Dichter und Denker interessierten sich für ihn, die marxistische Geschichtsschreibung machte ihn zur ersten großen Klassenschlacht der deutschen Arbeiter und Haupt ­manns Drama wurde mehrfach verboten, weil es so revolutionär er ­schien.

H i n t e r g r ü n d e

Peterswaldau und Langenbielau waren sogenannte ,,Fabrikdörfer”, wie viele andere am Fuße des Eulengebirges. Die Wirtschaftsweise war die, daß ein Unternehmer, der ,Fabrikant", im sogenannten Verlagssystem Weber in Heimarbeit beschäftigte. Das heißt, der Unterneh ­mer gab den Webern Rohstoffe oder Garn, die Weberfamilie spann und spulte ggf. auch das Garn und webte dann. Die fertigen Waren kauf ­te der Fabrikant dann an. Durch die Abhängigkeit der Weber vom Fa ­brikanten war der Lohn gering und die Not groß. Dabei waren die Weber in dieser Frühform der Industriealisierung eigentlich selb ­ständige Handwerker. Tatsächlich jedoch waren sie abhängige Lohn ­arbeiter. Hinzu kam die sehr dichte Besiedlung in diesem Teil Schlesiens. In Peterswaldau dominierte der Fabrikant Zwanziger, in Langenbielau der Fabrikant Dierig.

In Schlesien gab es seit Jahrhunderten die Leineweberei, die vor allem für den Export arbeitete. Der durch den Einsatz von Maschi ­nen billigeren britischen Konkurrenz war sie nicht mehr gewachsen. Ein Ausweg schien die Baumwollweberei zu sein, die sich seit den 1820er Jahren in Schlesien ausbreitete. Peterswaldau und Langenb ­ielau waren das Zentrum. Den Baumwollwebern ging es nicht so schlecht wie den Leinewebern. Trotzdem litten sie unter dem zu geringen Lohn und der Beschäftigung auswärtiger Billiglohnkräfte.

W  a s g e s c h a h ?

Die Unzufriedenheit mit der Entlohnung war deshalb groß. Im Juni 1844 machte sie sich zunächst mit dem Singen von Protestliedern Luft. Am 4. Juni sammelte sich dann in Peterswaldau eine größere Zahl von Demonstranten. ,,Heute machen wir Rebellion !”. Sie zogen durch die Straßen und sangen:

Die Herren Zwanziger
Die Henker sind,
Die Diener ihre Schergen.
Davon ein jeder tapfer schindt
Anstatt was zu verbergen.
Ihr Schurken all, Ihr Satansbrut
Ihr höllischen Dämonen
Ihr freßt der Armen Hab und Gut,
Und Fluch wird Euch zum Lohne.

Dann befreiten sie einen der ihren, der eingesperrt worden war, weil er dieses Lied öffentlich gesungen hatte. Sie zogen zum Schloß der Stolberg-Wernigerode, stürmten das Haus Zwanzigers, zerstörten und fingen auch an zu plündern. Es wurde Militär herbei ­gerufen. Bei allem handelte es sich kaum um wildes, unkalkuliertes Handeln. Vielmehr wurden sie gezielt und in gewissem Sinne auch maßvoll tätig, denn sie verschonten Fabrikanten, die mit ihnen menschlicher umgegangen waren. Anführer waren Leute, die im Milit ­ärdienst Selbstbewußtsein gelernt hatten, z.B. als Unteroffiziere. Das Militär ( 800 bis 1000 Mann) wurde eingesetzt, es gab 11 Tote und 26 Verwundete. In Berlin wurde kolportiert, es sei ein organi ­sierter Aufstand, obwohl es eine Aktion zur Verbesserung der eige ­nen Lebensbedingungen war. So wurde am Hofe auch die vorhandene Angst vor revolutionären und politisch motivierten Unruhen ge ­schürt. Inzwischen weiteten sich die Aktionen auf Langenbielau aus, erreichten aber auch Reichenbach.

E i n s c h ä t z u n g

Es waren nicht die bettelarmen Leineweber, aber selbst die Justiz ­behörden gingen von der trostlosen Lage aus und werteten sie ent ­schuldigend. 112 Männer wurden verhaftet. Die Protokolle beweisen: fast alle gut gekleidet und gut ernährt. Sie hatten gehandelt, weil sie die Armut befürchteten, nicht weil sie bereits mittendrin waren. Auch hatten sie sich zunächst an die Behörden gewandt, die aber nicht reagiert hatten.

Nachdem die Presse intensiv berichtet hatte, erfolgte eine Welle von Sozialkritik. Die öffentliche Diskussion des oppositionellen Bürgertums erhielt eine neue Qualität. In ganz Deutschland setzte eine Spendenkampagne ein. In Breslau wurde der erste Hülfsverein für schlesische Weber gegründet, der Oberpräsident der Provinz ging in den Vorstand. Anläßlich der Ersten Allgemeinen Deutschen Gewer ­beausstellung in Berlin wurde der Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klasse gegründet. Allerdings führte die Berichterstat ­tung in der Presse auch zur Verschärfung der Zensur. Verharmlosung von oben - Radikalisierung von unten. Friedrich Wilhelm IV. hatte Angst vor einem Volksaufstand. Die Spitzelei wurde verstärkt.

80 Angeklagte wurden schließlich vor Gericht gestellt. Das Urteil wertete die soziale Lage als entlastend. 203 Jahre Zuchthaus, 90 Jahre Fes ­tung wurden verhängt. Mehr Strafen gab es für Langenbielau, weniger für Peterswaldau. Die Höchststrafe betrug 9 Jahre, der Durchschnitt 3,7 Jahre. Die Kosten trug der Gutsherr. Schon 1845 wurden 60 Gnadengesuche eingereicht und dabei Besserung gelobt. Sie fanden die Befürwortung des Gerichts, aber das Ministerium wollte keine Halbierung der Strafen. Dann wurden aber doch zunächst 28 entlassen, weitere folgten, die letzten 1848.

M y t h e n b i l d u n g

Noch im Juli 1844 erschien das großformatige Bild von Karl Wilhelm Hübner ,,Die schle ­sischen Weber" in der Öffentlichkeit. Ferdinand Freiligrath und viele andere Lyriker nahmen sich des Themas an. Am bekanntesten wurde Heinrich Heines ,,Weberlied". Auch Georg Herwegh, der badische Revolutionär von 1848 widmete sich dem Thema. Aber auch Romane erschienen und Karl Marx äußerte sich.

1892 griff Gerhart Hauptmann mit seinem naturalistischen Drama „Die Weber” das Thema wieder auf. Es brachte eine Theatersensation und einen Zensurskandal. In der öffentli ­chen Diskussion stritten Bürgerliche gegen die Arbeiterbewegung. Hauptmann neigte zu ersteren. Hintergrund war, daß 1890 das Sozialistengesetz aufgehoben worden war. Das hatte einen starken Zulauf zur SPD zur Folge gehabt. Deshalb hatte der Kaiser die staatstragenden Elemente zum Kampf gegen die SPD aufgerufen. Und nun das. In 20 Städten wurde die Aufführung verboten. Doch das Oberverwaltungsgericht erlaubte die Aufführung, allerdings nur, wenn die Ein ­trittspreise so hoch waren, daß Arbeiter sie nicht bezahlen können. Der OVG-Präsident trat zurück. Der Hof kündigte die königliche Loge im Deutschen Theater, weil dieses das Stück aufführte. Aber es gab wieder eine Notlage der Weber.

Einige Zeit später befaßte sich Käthe Kollwitz in einem Bilderzyklus wieder mit dem Thema. Im Dritten Reich durften „Die Weber” nicht aufgeführt werden. Sie waren zu revolutionär. Sie wurden dann in der DDR wieder entdeckt, aber tendenziös eingesetzt.

H e u t i g e S i c h t

Es ging um eine Freiheitsbewegung, um eine Protestbewegung, aber nicht um Vorgeschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung. Der schlesische Weberaufstand unterscheidet sich nicht sehr von anderen ähnlichen Aufständen. Er bedrohte die Gesellschaft weniger, als viele Zeitgenossen, und vor allem die Obrigkeit, dachten. Denn die Weber waren eher konservativ und religiös denkend als kommunistisch. Erstaunlicherweise fiel der Richterspruch verhältnismäßig milde aus.

1 Nach: Christina von Hodenberg. Aufstand der Weber, Die Revolte von 1844 und ihr Aufstieg zum Mythos. Bonn 1997.

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