Freya von Moltke und das neue Kreisau

Freya von Moltke und das neue Kreisau

Ansprache anlässlich der Gedenkfeier in Kreisau für Freya von Moltke am 23. Januar 2010
von Jürgen Telschow

Wir sind zusammengekommen, um Freya von Moltkes zu gedenken, die am 1. Januar 2010 verstorben ist. Doch heute ist auch der 65. Todestag Helmuth James von Moltkes und Theo-dor Haubachs. Diese kluge Terminwahl lässt uns an ein Interview denken, das die Verstorbe-ne im Jahre 1992 gegeben und in dem sie geäußert hat: „Durch die ganze Zeit habe ich eine intensive Nähe meines Mannes gespürt. Mein ganzes Leben habe ich gespürt, dass er mir geholfen und mich geführt hat.” So haben beide zusammengehört und gehören auch für uns zusammen. Jetzt aber sind unsere Gedanken vor allem bei ihr. Die Begegnungen mit ihr gehen uns nicht aus dem Kopf. „Ich bin Freya”, das sagte sie gerne, besonders zu jungen Menschen. Da wollte sie nicht die distanzierte Frau Dr. iur. Freya Gräfin von Moltke sein. Sie wollte dazu gehören. Wenn man auf dem Gelände von ihr sprach, hieß sie einfach „Freya”. Das war nicht plump vertraulich gemeint, sondern liebevoll, dankbar, voller Hochachtung. Es brachte zum Ausdruck, dass sie auch tatsächlich dazu gehörte. So möchte auch ich jetzt von „Freya” erzählen und ihrem Verhältnis zum neuen Kreisau.

Als sie im Oktober 1945 Kreisau verließ, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie es je noch einmal sehen würde. Die Jahre vergingen, und dann konnte sie es doch besuchen. Dort gab es den verfallenden Hofkomplex und das Berghaus, in denen fremde Menschen wohnten. Aber auch ein offenes Haus, das Pfarrhaus von Pfarrer Kalusza in Gräditz. Dieser vermittelte ihr, dass sie und ihre Familie immer willkommen seien und dass es in Polen Menschen gäbe, die sich für den Kreisauer Kreis interessierten und die Verständigung mit den Deutschen suchten. Umgekehrt wollte sie den Polen ganz deutlich machen, dass sie keine Ansprüche erheben und nicht wiederkommen wolle. Wie sehr ihr das in Polen Ansehen und Sympathien einbrachte, konnte man in der Eröffnungsfeier des neuen Kreisau im Jahre 1998 sehen. Bei der Begrüßung all der politischen, kirchlichen und sonstigen Prominenz erhielt sie mit Abstand den größten Beifall. Auch die Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Gemeinde Schweidnitz war ein Beispiel dafür.

Schon 1967 hatte sie den Gedanken, dass Kreisau einmal ein Ort für die polnisch-deutsche Verständigung werden könnte; zu einer Zeit, als es kaum offizielle Kontakte zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen gab. Frühe Versuche aber, über Bundeskanzler Willy Brandt oder über amerikanische Freunde direkt in Warschau, in Kreisau wenigstens eine Gedenktafel für den Kreisauer Kreis anzubringen zu lassen, scheiterten an der Nichtreaktion polnischer Stellen. Im Jahre 1988 wurde dann der 100. Geburtstag Eugen Rosenstock-Huessys, ihres zweiten Lebensgefährten, gefeiert. In Vermont und in Berlin fanden Gedenkveranstaltungen statt. Sie traf Freunde, Schüler und Verehrer von ihm aus beiden Deutschlands, aus den Niederlanden, Polen und den USA. Dabei äußerten die beiden Ost-Berliner Theologie-Studenten Stephan Steinlein und Wolfram Bürger die Idee, in Kreisau eine Begegnungsstätte zu schaffen, ein „Planetarisches Lehrhaus Helmuth James von Molt-ke”. Das war in Freyas Sinne, die aber gleich hinzufügte, „dass man dies zusammen mit den Polen machen müsse.” Adam Zak stellte den Kontakt zum Breslauer KIK her und gewann dort Ewa Unger, Michal Czaplinski und andere für diese Idee. Es bildete sich so etwas wie eine internationale Bürgerinitiative. Der KIK Breslau erwarb den Gutshof und brachte ihn in die ebenfalls vom ihm gegründete Stiftung Kreisau für Europäische Verständi-gung ein. Freya verfolgte, begleitete und unterstützte diese und die weitere Arbeit. Immer wieder kam sie nach Breslau und Kreisau und nahm an Konferenzen und den Sitzungen der Stiftungsgremien teil. Dort konnte sie zuhören, ergriff aber auch dann und wann das Wort. Mit der ihr eigenen Gedankenschärfe und ihrem Pragmatismus geschah das am ehesten, wenn ausufernde Grundsatzdiskussionen geführt wurden und der Realitätsbezug verloren ging.

Gerne ging sie auch über die Baustelle, die es hier ja fast acht Jahre gab, und ließ sich Details der Planung und Ausführung erklären. Man stapfte dann mit der doch älteren Dame durch den Schlamm, kletterte über aufgeworfene Erde, balancierte auf Brettern oder sprang über Gräben. Stützen ließ sie sich nicht, und so geschah es, dass sie neben mir vor dem Gebäude 7 in einen Graben rutschte, der die Heizungsrohre aufnehmen sollte. Meine Entschuldigung nahm sie nicht an und meinte, dass sie selbst hätte aufpassen müssen. Typisch, möchte man sagen. Über den fertig restaurierten Gutskomplex äußerte sie dann, es sei etwas Wunderschö-nes entstanden . Nie sei das Schloss so hell und lichtdurchflutet gewesen. Zu Pfarrer Kalusza sagte sie, „Das Berghaus ist wunderschön geworden, nicht übertrieben. Sie wissen ja, dass ich das nicht gern habe.” Überhaupt war es für sie das schönste Haus, das sie kannte.

Aber es hieß auch: „Mein Kreisau gibt es nicht mehr. Es ist ein neues Kreisau, das mit der Familie nichts zu tun hat. Die Familie sei weggegangen und nie wieder gekommen. So war es symbolisch gemeint, dass sie über viele Jahre nur nach Kreisau kam, wenn sie eine Einladung aus Polen erhalten hatte. Lange Zeit übernachtete sie bei Pfarrer Kalusza und nicht im Gutshof. In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache zu sehen, dass kein Moltke an der Versöhnungsmesse teilnahm, obwohl Helmuth Kohl das wollte. Das schloss aber nicht aus, dass die Moltke und Hülsen im neuen Kreisau mitarbeiten, es fördern und unterstützen. Immer wieder betonte sie auch, wie gut es sei, dass Kreisau heute in Polen liege. „Das nimmt es doch sofort heraus aus einer deutschen Enge und macht es zu einem europäischen Ort” . Auch könnten von hier aus die Ausstellun-gen besser wirken und es könnte von hier besser für die Versöhnung gewirkt werden .

Die Aussage, „das find ich wunderschön”, konnte man oft von ihr hören, ganz besonders, wenn sie unter jungen Besuchern Kreisaus war. Vielleicht war das ja auch ihre wichtigste Rolle in Kreisau. Als die so viel Ältere das Gefühl von Gleichsein zu geben, Geschichte im Gespräch authentisch zu vermitteln, zu zeigen, dass man auch in schlechten Zeiten seine Würde bewahren kann oder einfach die Herzen junger Menschen zu gewinnen. Gerne bewunderte sie dann Kunstwerke in Workshops – und meinte, dass sie nicht künstlerisch veranlagt sei – oder feierte mit. So manche Reisegruppe betrachtete es als Höhepunkt ihrer Polenreise, dass sie im Hof von Kreisau auf einmal Freya gegenüber gestanden und mit ihr gesprochen hatte. Einmal wurde sie gefragt, was denn in Kreisau besser zu machen sei. Sie antwortete, dass sie nichts ändern würde. Nur sei Kreisau ja einmal eine große Landwirt-schaft gewesen. Das fehle ihr, und deshalb wünschte sie sich auch eine ökologische Landwirtschaft. Bei anderer Gelegenheit äußerte sie, Kreisau erfülle jeden Tag die ihm gestellte Aufgabe . Kreisau lebt . Dazu hat sie beigetragen.

Doch was gab sie weiter? Wiederholt erklärte sie, dass es dem Widerstand vor allem um die Menschlichkeit gegangen sei , also um einen friedlichen und gewaltfreien Umgang der Men-schen mit einander, um das Geltenlassen des anderen in seiner Andersartigkeit in Gesell-schaft, Staat und im persönlichen Umgang. Am 19. Juli 2004 in der Berliner Matthäi-kirche wies sie die Frage Peter Steinbachs nach ihren philosophischen Vorstellungen zurück und antwortete, sie sei nur eine einfache Christin. Menschlichkeit war für sie also kein philosophi-scher Begriff, was sie ja durchaus sein kann. Menschlichkeit, das war das schlichte „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” aus dem Neuen Testament. Immer wieder machte sie den Menschen Mut: „Es lohnt sich immer, etwas zu tun, was man nicht für sich tut; und das ist auf dieser Erde fast für jeden zu finden.” In der ihr eigenen Art leistete sie damit einen Beitrag zu einer der Kernfragen, die für unsere Arbeit hier in Kreisau von Bedeutung sind. Wir wollen Widerstand und Opposition als etwas vermitteln, das zu Zivilcourage ermuntert. Freya hat berichtet, dass sie und ihr Mann nie von Widerstand sondern von Gegnerschaft gesprochen hatten. Das ist nicht so ambitioniert. Ebenso ging sie mit dem Begriff Zivilcou-rage um. Der klingt ja so anspruchsvoll, dass man ihm kaum gerecht werden kann. Sie machte daraus das selbstlose Handeln, mag es klein oder groß sein. Und dann kann es eigentlich jeder. Auch gab sie noch ein Kriterium für solches Handeln mit, die Menschlich-keit. Zivilcourage oder selbstloses Handeln sind nur wertvoll, wenn sie für die richtige Sache eingesetzt werden. Wie oft haben nicht Menschen aus religiösen, weltanschaulichen oder politischen Motiven couragiert und selbstlos gehandelt. Und doch waren sie Verbrecher, weil sie die Menschlichkeit aus den Augen verloren hatten. Ebenfalls in der Matthäikirche sagte sie in ihrem Schlusswort, wie wichtig das neue Kreisau sei. Wie wichtig es für die Pflege des Erbes des Widerstands sei, die man nicht nur der Politik oder der Geschichtswissenschaft überlassen sollte.

Bleibt zu fragen, wie diese Freya uns begegnet ist. Es war ja in den letzten 20 Jahren eines fast 100jährigen Lebens. Im Jahre 1992 hat sie gegenüber der Journalistin Eva Hoffmann über sich selbst gesprochen. Sie sei gut fürs Leben geeignet und nützlich für andere. Schon da hat sie gemeint, dass sie ein langes Leben hinter sich und genug erlebt habe. Da könne leicht der Tod kommen, aber eigentlich fühle sie sich ganz gut. Auch habe sie die „Neigung, die guten Seiten zu sehen, das hilft sehr im Leben, auch im Alter.” Das Schöne am Älterwerden sei aber auch, dass man nichts mehr für sich selbst machen müsse. Als junger Mensch nehme man alles selbstverständlich, im Alter erlebe man alles als Wunder. Haben wir sie nicht genau so erlebt. Sie konnte sich über vieles freuen. Sie konnte an jedem von uns das Gute sehen. Sie ließ uns spüren, dass wir wichtig sind. Sie konnte raten und musste nicht kritisie-ren. Sie musste sich nicht nach vorne drängen. Wo sie war, da war vorne. Und sie war schlicht und bescheiden. Glücklich, wer so durchs Leben gehen kann, auch durch schwerste Zeiten; denn was man so gibt, kommt vielfach zurück. Glücklich und dankbar, wer solch einen Menschen kennen lernen durfte.

Quellen

Görner, Eberhard: Von Kreisau nach Krzyzowa, Ein Film, Produktion des Bayrischen Rundfunks 1999 (Görner).
Hoffmann, Eva. Gespräch mit Freya von Moltke im ZDF am 13.5.1992 in der Reihe Zeugen des Jahrhunderts (Hoffmann).
Meding, Dorothee von: Mit dem Mut des Herzens. Die Frauen des 20. Juli. Berlin 1992 (Meding).
Weisswange-Lehmann, Alexander: Kreisau lebt. DVD im Auftrag der Freya von Moltke-Stiftung für das neue Kreisau, 2005(W.-L., Kreisau lebt).
Weisswange-Lehmann, Alexander: Freya von Moltke zu Besuch in Kreisau. DVD im Auftrag der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, 2006 (W.-L., Besuch).

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