200 Jahre Frankfurter Bibelgesellschaft

200 Jahre Frankfurter Bibelgesellschaft

Vortrag vor dem Evangelisch-lutherischen Predigerministerium am 10. März 2016

Jürgen Telschow

Die Gründung

Im Jahr 1810 hatte sich in Frankfurt ein Kreis von Menschen zusammengefunden, der Spenden für die Basler Bibelgesellschaft sammelte und dafür Bibeln erhielt, die er verteilen konnte. 1813 besuchte der Sekretär der britischen Bibelgesellschaft, der deutsche Pfarrer Steinkopf, auf einer Deutschlandreise auch Frankfurt. Ziel der Reise war es, für die Verteilung von Bibeln zu werben. Ergebnis des Besuches war die finanzielle Unterstützung des Frankfurter Kreises durch die britische Bibelgesellschaft. 1815 warb man offiziell Mitglieder für die Gründung einer Gesellschaft und hatte damit auch Erfolg. Das „Direktorium” von 3 Personen wurde auf 9 Personen erweitert und nun Ausschuss genannt wurde. Dieser konstituierte am 4. Mai 1816 die „Frankfurter Bibelgesellschaft”. Deren Zweck war die „Ausbreitung der Bibel ohne Noten und Anmerkungen”. Die Übersetzungen der Bibel sollten nach dem Bekenntnis und Gebrauch der verschiedenen Religionsparteien gewählt werden. Die Frankfurter Bibelgesellschaft lehnte sich eng an die britische Bibelgesellschaft an und wurde zunächst von dieser auch ganz wesentlich finanziell unterstützt.

Die Vorbedingungen

Luther hatte die Bibel ins Deutsche übersetzt. Schon seiner Zeit wurden Bibeln gedruckt. Aber die Bibeln waren teuer und die Zahl der Menschen, die lesen konnten, gering. Der Verbesserung der Kenntnis von der Kirche und ihrer Lehre diente der Katechismus. 150 Jahr später wollten die Väter des Pietismus die Menschen an die Bibel selbst heranführen. August Hermann Francke bemängelte am eigenen Theologie-Studium, dass er den Umgang mit der Bibel überhaupt nicht lernte. Mit dem Erwerb des Magister hatte er die Befugnis, an der Universität Lehrveranstaltungen zu halten. Als er den Studenten das Studium der Bibel anbot, stieß er auf heftigen Widerstand der Theologenschaft. Philipp Jakob Spener begann seine Collegia pietatis nicht mit dem Lesen der Bibel, sondern mit dem Lesen erbaulicher Bücher. Erst später übte er hier das Lesen der Bibel und sprach dann die Erwartung aus, dass jeder evangelische Hausvater mit seiner Familie die Bibel lesen solle. Dazu brauchten die Menschen aber Bibeln. So gründete im Umfeld von August Hermann Francke der Freiherr Carl Hildebrand von Canstein die erste Bibelanstalt der Welt in Halle und gab ab 1712 unter dem Namen Cansteinsche Bibelanstalt Neue Testamente und Bibeln heraus.Das regelmäßige Lesen der Bibel und deren Weitergabe sind also untrennbar mit dem Pietismus verbunden. Die Gründer der Frankfurter Bibelgesellschaft stammten aus diesem Milieu.

Um 1800 wurde aber auch ein gesellschaftlicher Wandel deutlich. Zur Bildung der Gesellschaft gewannen Massenmedien zunehmend an Bedeutung gegenüber der persönlichen Anwesenheit. Gesellschaften entwickelten sich immer mehr überregional und in weiteren politischen wie ökonomischen Handlungszusammenhängen. Die Informationsprozesse und die bürgerschaftlichen Aktivitäten verschoben sich von korporativ geordneten sozialen Einheiten (Stände, Zünfte, Kirchen) zu solchen, die von der Freiwilligkeit der Teilnahme gekennzeichnet waren1. So war das Vereinswesen, wie es sich in Deutschland entwickelte, ein Kind der Emanzipation des Bürgertums. Die Menschen hatten viele Bindungen und Fesseln geistiger, religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Art abgestreift, wenn auch längst noch nicht alle. Die neue, bürgerliche Welt war eine Gesellschaft der Individuen, die nicht mehr so sehr traditionsgeleitet leben mussten, sondern eigenen Vorstellungen folgen konnten. Dazu bot die Vereinsform bis dahin nicht gekannte Möglichkeiten. Konnte man sich hier doch interessensgeleitet und unabhängig von Kirche und Staat selbst organisieren. Insofern wurden Vereine eine typische Organisationsform des 19. Jahrhunderts. Wenn die Frankfurter Bibelgesellschaft auf die Verteilung der Bibel und nicht so sehr auf das gepredigte Wort setzte und mit der britischen Bibelgesellschaft eng zusammen arbeitete, oder an der Entwicklung der Inneren Mission kann man das auch in Frankfurt beobachten. Es gilt für alle kirchlichen Vereine, was Jürgen Albert für die Innere Mission formuliert hat2: „Die Innere Mission bedeutet die erste Lebensform des Protestantismus, die nicht mehr schicksalhaft vorgegeben ist, sondern Folge persönlicher Entscheidung, bürgerlich-gestalterischen Bewusstseins und so bereits formal Ausdruck säkularer Daseinsauffassung ist.” Bemerkenswert ist hierbei, dass nun nicht etwa die Rationalisten oder die politisch bzw. kulturell Interessierten sofort Gebrauch davon machten sondern die Pietisten.

Die handelnden Personen

Betrachten wir aus dieser Perspektive den Ausschuss (= Vorstand) der Bibelgesellschaft:

Schöffe und Konsistorialdirektor von Olenschlager, Präsident

Gerichtsrat Johann Friedrich von Meyer

Konsistorialrat Pfarrer Jakob Ludwig Passavant

Johann Friedrich Metz, Mitglied des Bürgerkollegs

Kirchenrat Pfarrer Johann Philipp Benkard

Pfarrer Remigius Fresenius

Johann Christian Wild, als Sekretär und Kassierer

Johann Daniel Schumann

Johann Daniel Claus , als Sekretär und Kassierer

Die Gesellschaft verdankte ihre Gründung vor allem Johann Friedrich von Meyer, dem „Bibel-Meyer”, und dem Kaufmann Johann Daniel Claus, der „Bibel-Claus”. Sie alle waren in der Frankfurter Geschichte verwurzelt: Olenschlager als Sohn eines renommierten Frankfurter Juristen und Stadtpolitikers, Passavant als guter Bekannter von Goethe und Lavater, Claus als Sohn des Freundes der Klettenberg und Fresenius als Enkels des gleichnamigen Seniors3. Von hier her gab es durchaus Verbindungen zum pietistisch-erwecklichen Milieu im Frankfurt des 18. Jahrhunderts.

Das pietistische Milieu

In der offiziellen Frankfurter Kirche hatte Spener sich nicht durchsetzen können. Hier herrschten trotz einiger Pietisten weiter Vertreter der Orthodoxie vor. Aber es gab in Frankfurt pietistische Zirkel und vor allem Laien, die dem Pietismus anhingen. Um 1770 waren es wohl etwa 350 Personen. Diese Pietisten waren keine Anhänger Zinzendorfs und bildeten auch keine eigene Gemeinde. Sie lebten aber doch in großer Distanz zur offiziellen Kirche. Zum Teil waren es jüngere Menschen, die Senior Fresenius „erweckt” hatte, die sich dann aber zu seiner großen Enttäuschung von ihm abgewendet hatten. Dass in diesem Zusammenhang auch Goethe zu erwähnen ist, ist nicht der Tatsache geschuldet, dass in Frankfurt irgendwie und irgendwo stets Goethe zu zitieren ist. Für kurze Zeit hatte er eben enge Kontakte zu solchen Kreisen.

Da ist zunächst Johann Michael von Loen (1694-1776) zu nennen4, ein Großonkel Goethes. Loen war weit gereist, hatte einen großen Teil der Merianschen Bildersammlung erstanden und privatisierte. Ganz aufklärerisch im Geist der Zeit, der begann, eine Erneuerung der Kirche durch Rückgriff auf die christliche Urgemeinde anzustreben, veröffentlichte er mehrere Schriften: „Evangelischer Friedenstempel nach der Art der ersten Kirche entworfen” (1724), „Der vernünftige Gottesdienst” (1738) und die „Die einzig wahre Religion, allgemein in ihren Grundsätzen, verwirret durch die Zänckereyen der Schriftgelehrten, zertheilet in allerhand Secten, vereiniget in Christo” (1750/52). Daraufhin schaltete das Predigerministerium die städtische Zensur ein. Loen verließ Frankfurt, trat in preußische Dienste und wurde Regierungspräsident in Lingen.

Auch kann man an Johann Christian Senckenberg (1707-1772) erinnern5. Als der „große Christenbrand” 1719 wütete, verloren seine Eltern mit dem Haus in der Hasengasse einen erheblichen Teil ihres Vermögens. Deshalb konnte er erst 1730 mit dem Studium in Halle beginnen, musste dies aber 1732 abbrechen, da ihm nach dem Tod des Vaters die finanziellen Mittel fehlten. So wirkte er in Frankfurt als Arzt ohne Prüfung bis zu seiner Promotion 1734 und beschäftigte sich mit Chemie und Physik. In dieser Zeit kam er in Kontakt mit Freigeistern und pietistischen Eigenbrödlern. Trotz der Nähe zu ihnen bewahrte er mit kritischem Geist und spöttischer Rede innere Distanz. „Ich halte mir aus, mir nichts vorzuschreiben von ihren Regeln, gleich wie ich ihnen zwar meine Meinung sage, diese aber nicht zur Regel setze; die sollen sie von Gott selbst, von dem in ihnen wohnenden Gott, lernen6.” Aber er stand auch dem veralteten städtischen Gemeinwesen und seinem Verhältnis zur Kirche kritisch gegenüber. Über Johann Friedrich Starck schrieb er (nicht veröffentlicht), dass er vom „hitzigen Fieber” des „Amtseifers befallen und ein „Pfaffengeist” sei7. 1742 heiratete er Rebekka Riese, die Enkelin des pietistischen Sonderlings Christoph Fende. Da seine Frau bald starb, heiratete er in 2. Ehe Katharina Rebekka von Mettingh, eine Enkelin von Johann Jakob Schütz. Eine dritte Ehe wurde bald wieder geschieden. Da er kinderlos geblieben war, widmete er sich ganz der Stiftung des Bürger-Hospitals und der „Naturforschenden Gesellschaft” mit ihrem Museum. So begegnet er uns als ein Arzt, der Konsequenzen aus den Nöten der Zeit des Siebenjährigen Krieges zog, und erscheint als früher Naturforscher. Bei aller kritischen Distanz zur offiziellen Kirche und zu den kleinen Konventikeln der Pietisten war er doch ein frommer Mann. In der Stiftungsurkunde des Bürgerhospitals kann man lesen: „Gedenke hierbei mein Leser, daß wir nicht für diese Zeit geschaffen sind, daß wir allesamt von Gottes Gnaden leben und sind, was wir sind;... Diese wohl zu bedenken lasse dir und mir angelegen seyn, damit wir stets hier und dort, in der seligen Vereinigung mit Ihm Licht, Leben, Ruhe und Frieden und vollkommene Freude haben mögen ...8

Als Dritte sei Susanna Katharina von Klettenberg (1723-1774) erwähnt9. Sie stammte aus der angesehen Frankfurter Familie Seiffart von Klettenberg. Unter dem Einfluss von Senior Fresenius, eines Pietisten, fand sie Zugang zu dieser Form der Frömmigkeit, mit 24 Jahren wurde sie „erweckt”. Im Kontakt mit anderen Pietisten erwies sie sich als glaubensstarke junge Frau, an der man sich gerne orientierte. Sich selbst hat sie als christlichen Freigeist bezeichnet. Da die Familien Textor und Klettenberg verwandt waren, könnte Johann Wolfgang Goethe sie schon als Kind kennen gelernt haben. Von Bedeutung wurde sie für ihn jedoch, als er 1768 krank und in einem seelischen Tief aus Leipzig nach Frankfurt zurückkehrte. Hier gab sie ihm mit ihrer Glaubensgewissheit Halt. Für eine kurze Zeit befasste er sich intensiv mit der christlichen Religion in der Form des Pietismus und hatte sogar Kontakt zu den Herrnhutern. Dann aber trennten sich die Wege10. Wie nachhaltig sie Goethe geprägt hat, geht aus einer Bemerkung Goethes in Dichtung und Wahrheit hervor, der zufolge das 6. Buch von Wilhelm Meisters Lehrjahre mit dem Titel „Bekenntnisse einer schönen Seele” aus Unterhaltungen und Briefen von Susanna von Klettenberg entstanden ist11.

Goethes Mutter, die am 19. Februar 1731 geborene Katharina Elisabeth Textor, wurde von Senior Johann Philipp Fresenius konfirmiert. In ihr frommes Poesiealbum12 mit Bibeltexten und Eintragungen befreundeter Personen trug Fresenius am 4. April 1748 ein:

„Du hast mit deinem Thun mich zweimal recht vergnüget,

Vors Erste, da du dich im Lernen treu bewiesen,

Als ich dir Gottes Wort zum Leitstern angewiesen;

Danach, als Du die Welt durch Gottes Kraft besieget.

Nun warte ich mit Ruh auf die drei Freuden,

Daß du Gott treu verbleibst, bis Leib und Seel' sich scheiden.

Aus inniger Hochachtung und zur steten Ermunterung der Jungfer Besitzerin, als seiner geistlichen Tochter, schreibt dies der treue Beichtvater Johann Philipp Fresenius13.” Hermann Dechent folgerte daraus, dass Elisabeth 1747 zu dem Kreis junger Menschen gehörte, der durch ihn erweckt wurde14. Elisabeth war da schon mit Johann Kaspar Goethe verlobt. Fresenius traute die beiden am 20. August 1748. Ebenso taufte er Johann Wolfgang und fünf von dessen sechs Geschwistern. Frau Rat Goethe blieb zeit ihres Lebens eine fromme Frau, die weder Zinzendorf anhing noch der Aufklärung. So konnte sie auch Schreiben, dass der Glaube die einzige Quelle ihres Frohsinns sei15.

Johann Friedrich von Meyer

Doch kommen wir zurück zu den Gründern der Bibelgesellschaft und zu Johann Friedrich von Meyer (1772-1849), wohl eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Frankfurter Kirchengeschichte. Der studierte Jurist spielte in Kirche und Stadt eine wichtige Rolle. Das lag auch an seinen weit gefächerten theologischen, altphilologischen, historischen und literarischen Interessen. Nach dem Studium und verschiedenen auswärtigen Tätigkeiten kam er 1802 nach Frankfurt zurück. Erste literarischen Arbeiten sorgten dafür, dass er im ihm befreundeten Brentano-Kreis als Romantiker begrüßt wurde16. So leitete er von 1802 bis 1804 das Frankfurter Theater. Als er sich mit seinem idealistischen Theaterverständnis im Sinne Schillers nicht durchsetzen konnte, gab er diese Stellung wieder auf. Großherzog von Dalberg machte ihn nun zum Stadtgerichtsrat. 1816 wurde er Mitglied des Senats und zum Vizedirektor des lutherischen Konsistoriums ernannt. Dreimal war er älterer Bürgermeister, mehrfach Frankfurter Gesandter beim Bundestag. 1837 wurde er Stadtschultheiß.

Meyer hatte anfangs dem Rationalismus angehangen. Ab 1806 trat er aber stärker als „Erweckter” und Goethekritiker in Erscheinung. Um eigene Bibelforschungen betreiben zu können, lernte er mit 35 Jahren hebräisch. Seine Forschungen brachten ihn zu der Erkenntnis, dass Luthers Bibelübersetzung nicht mehr dem neuesten Forschungsstand entsprach. Deshalb brachte er 1819 eine eigene Bibelübersetzung aus dem hebräischen und griechischen Urtext mit kurzen Anmerkungen heraus17. Seine Erläuterungen waren bahnbrechend und noch lange für pietistische Kreise maßgebend. Wie gelungen seine Arbeit war, zeigt sich daran, dass das Predigerministerium sie lobte und dem Konsistorium für die Verwendung in Schulen, im Konfirmandenunterricht und in Betstunden empfahl. Im Gottesdienst sollte sie aber nicht verwendet werden, um nicht die Gemeinschaft mit der ganzen evangelischen Kirche zu gefährden. Die Notwendigkeit einer „berichtigten” Bibelübersetzung begründete er 1822 so: „ … Was längst England, Holland, was längst Spanien getan hat, eine streng berichtigte Bibelübersetzung liefern, und in Jedermanns Hände geben, das gebührt uns Teutschen wohl, die wir in der Übersetzungskunst keinem Volke nachstehen, und im Übersetzen uns durch Gottes Gnade die ältesten Bemühungen zuschreiben dürfen. Wir, von denen das Wort Gottes in der Volkssprache ausging, wir sollten zurückbleiben? Ja, wir sollten Luther so verunehren, dass wir seine Mängel verewigen? … In die Fußstapfen Luthers dieses großen Übersetzers, zu treten” heißt „sorgfältiger noch in die Fußstapfen der Apostel und Propheten des Herrn und des Geistes zu treten... „Ich sage aber davon, daß Niemand wähnen möge, er müsse auch Luthers Gebrechen heilig achten, weil er lutherisch oder evangelisch heißt. Sondern man ehre den Lehrer in der Nachfolge, d. i. in gleichem redlichen Streben nach Verbesserung durch Gottes Licht und Wahrheit. So sind wir Christi, und eines Anderen wollen wir nicht sein18.” Die Universität Erlangen verlieh ihm dafür die theologische Doktorwürde19. Er wurde der „Bibel-Meyer”. Ebenso erfolgreich in diesen Kreisen war er mit den 1832 in elf Bänden abgeschlossenen „Blättern höherer Wahrheit” als Inbegriff einer christlichen Glaubenslehre, die Anfänge des Historismus zeigen. In den Bemühungen um eine Union spielte Meyer eine wichtige Rolle und begründete die „Frankfurter Bibelgesellschaft” und die „Frankfurter Missionsgesellschaft” mit. Den Pariser Umsturz von 1830 deutete er als Beginn der Endzeit im Sinne der Offenbarung des Johannes. Mit all dem stand er im Gegensatz zum liberalen und demokratischen Zeitgeist20.

Meyer hat auch ein ganze Reihe von Liedtexten verfasst, von denen einige in das frühere Frankfurter Gesangbuch Eingang gefunden hatten. Dieter Trautwein hat sie so charakterisiert21: Alle Texte, die zu bekannten alten Melodien gesungen werden, atmen den Geist einer mystischen, sich in die Gottes- und Jesusliebe versenkenden Frömmigkeit. „Ich senke mich in deine Wunden, ich senke mich in deinen Tod” beginnt ein Passionslied, das in allen fünf Strophen ein Ich-Lied bleibt. ... die übrigen im Frankfurter Gesangbuch zu Ehren gekommenen Lieder von Meyers' sind ausgesprochene Pilgerlieder. „Laß in meinem Pilgerkleide wallen mich zu deinem Ruhm, und von fremder Herrschaft scheide dein erkauftes Eigentum”, beginnt ein Lied, das in die Rubrik „Leben in Gott und Christo” eingeordnet ist. Wer den Lebensweg des Dichters kennt, wird beeindruckt vom persönlichen Glaubenszeugnis des Stadtregenten: „Geh ich durch Nacht und Nöte bloß, hungrig und verbannt, du bist mir Morgenröte, Brot, Heimat und Gewand. Wird voll mein Mund von Gaben, glänzt um mich Herrscherschein, ich kann es alles haben, doch lieben – dich allein.” Dualistisch gestimmte Jenseitssehnsucht behält in diesen Liedern jedoch klare biblische Orientierung: „Treue, Herr gib deinem Knecht, gürte mich mit Gnad und Recht, mache rein die Lampe brennen, bis wir dich empfangen können.” Es fällt auf, daß von Meyer heroisch-vaterländische Töne gänzlich meidet und auch im Kampf des Lebens die „Milde” Jesu als Waffe preist, als „Wächterin” und schließlich im Sterben als „des Friedens Tür.”

Gerne hat Meyer bei den Jahresfeiern der Bibelgesellschaft Lieder mit eigenen Texten singen lassen. So am 7. September 1823 nach der Melodie „Valet will ich dir geben” eines, das zum Ausdruck bringt, was ihm die Heilige Schrift wert ist:

Ich finde keinen Frieden,

Als auf Wortes Bahn;

Was mir mein Gott beschieden,

Hat er mir kund getan:

Wie er im Sohn mich liebet,

Und seine ganze Treu,

Und wie, was mich betrübet,

Nur Heil und Segen sey.

Was mir zu tun befohlen,

Was mir zu hoffen bleibt,

Hat er mir nicht verhohlen,

Sein Geist es deutlich schreibt.

Ich will mit diesem Stabe

Durchs Leben freudig gehen,

Und einst, erweckt vom Grabe,

Bei dem Erlösten stehn22.

Aus der Arbeit der Bibelgesellschaft

Der satzungsmäßige Zweck der Bibelgesellschaft war die „Ausbreitung der Heiligen Schrift ohne Noten und Anmerkungen.” Dies war eine Auflage der britischen Bibelgesellschaft. J. F. von Meyer, der inzwischen Präsident war, äußerte dazu in der Jahresfeier 1822: „Daß nach dem Gesetz der Bibelgesellschaft nur der Text ohne bloße Anmerkungen ausgeteilt wird, beruht unter anderem auf dem guten Grunde, weil das Gelehrte in der Bibel nicht selig macht, sondern das, was ohne große Gelehrsamkeit kann verstanden und geübt werden. Der Weg des Heils in Christo geht nicht durch den Wald gelehrter Kenntnisse, sondern durch den Acker des Glaubens, der Früchte der Geduld und der Liebe trägt23.” Für Dieter Trautwein wurde hier die „Ursprache pietistischer Frömmigkeit laut24.” In der Frankfurter Bibelgesellschaft dachte man ökumenisch25. Hier wirkten Lutheraner und Reformierte zusammen. Man verteilte auch katholische Bibeln und Testamente. Selbst Juden hatten Interesse an den Bibeln. Allerdings hatte der katholische Bibelübersetzer Professor Leander van Eß erhebliche Probleme mit der Anerkennung seiner Arbeiten durch den Episkopat. Noch der päpstliche „Syllabus” von 1864 nannte als verdammenswert neben Sozialismus, Kommunismus und Geheimgesellschaften die Bibelgesellschaften und kirchlich-liberalen Vereinigungen.

Die Verbindung mit den Briten löste sich jedoch 1827, nachdem man sich mit ihnen über den Stellenwert der apokryphen Bücher in Deutschland gestritten hatte. Die Bücher Judit, Weisheit Salomos, Tobias, Jesus Sirach, Baruch oder die beiden Makkabäerbücher waren auch von Luther nicht als der Heiligen Schrift gleichwertig angesehen. Aber Luther hatte es doch für nützlich gehalten, sie zu lesen. So wurden sie in Deutschland traditionell mitgedruckt. Hier verbreitete man diese Schriften, die nicht in der Bibel enthalten sind, aber von Luther geschätzt wurde, gerne. Die Briten lehnten dies aber ab und beschlossen 1822, dass künftig ihre Gelder nur noch für Bibeldrucke ohne die Apokryphen verwendet werden dürften. Die Frankfurter Bibelgesellschaft verteilte jedoch sowohl die Lutherbibel als auch Meyers revidierte Lutherbibel. Mit den anderen deutschen Bibelgesellschaften lehnte die Frankfurter Gesellschaft die neue britische Bedingung ab und verlor deren finanzielle Unterstützung26. Das war ein harter Schlag. Hinzu kam, dass Johann Daniel Claus den Briten treu blieb. Claus hatte schon 1819 dazu beigetragen, dass die britische Gesellschaft in Frankfurt ein eigenes Bibel-Depot erhielt. 1826 nun bat er die Briten um der nach Bibeln fragenden Menschen willen, ihn bei der Verteilung der apokryphenlosen Bibeln zu helfen. 1830 nahm eine „Agentur” der britischen Gesellschaft in Frankfurt ihre Tätigkeit auf, die die Frankfurter Bibelgesellschaft in ihrer Wirksamkeit überflügelte. Im Jahresbericht der Frankfurter Bibelgesellschaft von 1830 konnte noch festgestellt werden, dass die Gesellschaft seit ihrer Gründung 16.316 Bibeln und 30.300 lutherische sowie 25.334 katholische Neue Testamente verteilt hatte. Die Frankfurter Agentur brachte dann aber bis zum Jahr 1871 nicht weniger als 1.825.438 Bibeln unter die Leute. Betrachtet man das etwas distanziert, dann hat eben das finanzkräftigere Konzept dafür gesorgt, dass in einem Maße Bibeln verteilt wurden, das die Frankfurter Gesellschaft aus eigener Kraft nicht erreichen konnte. Bedauerlich war nur, dass auf diese Weise Meyers Bibel nicht die Verbreitung fand, die sie verdient gehabt hätte.

Die Frankfurter Bibelgesellschaft erfuhr einen Niedergang, der sie in ihrer Existenz bedrohte, allerdings nicht, wie bei anderen deutschen Bibelgesellschaften, zur Auflösung führte. Dass zeigt sich daran, dass ab den 1840er Jahren nicht einmal mehr die Jahresfeier stattfand. Erst viel später gewann sie durch die Aktivitäten des Seniors Johann Jakob Krebs wieder deutlich an Zuspruch. So wurde zur Feier von Luthers 400. Geburtstag am 4. November 1883 in der St. Peterskirche ein Festgottesdienst gefeiert. Auch beschloss man, künftig bei der Trauung dem Brautpaar eine Traubibel zu überreichen, ein Brauch, der lange noch gepflegt wurde. Krebs erreichte zudem im Lutherjahr 1883, dass der Sonntag Sexagesimä zum Bibelsonntag gemacht und die dort erhobene Kollekte zur Einnahmequelle der Bibelgesellschaft wurde. Eine besondere Aufgabe sah die Bibelgesellschaft im1. Weltkrieg darin, den Soldaten Bibeln und Neue Testamente zukommen zu lassen.

Bis 1931 war Senior Krebs Vorsitzender der Bibelgesellschaft. Er hatte sich um die Wiederbelebung der Bibelgesellschaft bemüht. Dann übernahm den Vorsitz Pfarrer Karl Goebels. Ihm gelang es zunächst, alle Frankfurter Pfarrer zu bewegen, Mitglied der Bibelgesellschaft zu werden. Auch warb er am Bibelsonntag intensiv um Kollekten für die Bibelgesellschaft. Als 1934 von der Reichskirche und dem Landesbischof ein „Bibeltag” eingeführt werden soll, drohte das BK-Mitglied Goebels mit seinem Rücktritt, falls die Bibelgesellschaft sich dem anschließt. Das Direktorium der Bibelgesellschaft lehnte die Mitwirkung ab. 1935 fand im Museum für Kunstgewerbe aus Anlass der Fertigstellung von Luthers Bibelübersetzung im Jahr 1534 eine große Bibelausstellung statt. In den folgenden Jahren gab es immer wieder Probleme mit der Reichsschrifttumskammer darüber, ob und wie Bibelgesellschaften Bibeln lagern und verteilen dürfen. Auch sonst unterlag die Bibelgesellschaft den Kontrollbestimmungen des NS-Staates. Dazu gehörte die Anmeldung von Veranstaltungen bei der Gestapo. So teilte Goebels der Gestapo im Jahre 1940 mit,

auf Grund der fernmündlichen Vereinbarung vom 11.1. …, daß die Frankfurter Bibelgesellschaft am Sonntag, dem 28. Januar 1940, ihr 124. Jahresfest feiert. Morgens um 10 Uhr findet ein Festgottesdienst statt, bei dem Herr Pfarrer Veidt in der Matthäuskirche die Festpredigt hält. Um 15 1/2 Uhr ist in der Matthäuskirche eine Festversammlung, bei der außer dem unterzeichneten Vorsitzenden Herr Pfarrer Wagner, Herr Pfarrer Müller (Markusgemeinde) und Herr Pfarrer Martin Schmidt sprechen werden27.” Interessant ist, dass mit Goebels, Schmidt und Veidt drei BK-Mitglieder das Wort ergreifen. Müller gehörte keine der kirchenpolitischen Fraktionen an und Wagner nicht mehr den Deutschen Christen. Mitglieder der DC waren also nicht beteiligt.

Im Krieg wurde die Situation nicht einfacher. Der Schatzmeister Prof. Tenter sah 1941 die Hauptaufgabe der Gesellschaft so: „die Veranstaltung von Bibelsonntagen in den lebendigen Gemeinden und in den Hauptkirchen der Innenstadt zwecks Erweckung des Interesses aller kirchlich gesinnten Kreise an unserer Aufgabe und die Gewinnung neuer Mitglieder28.” Im gleichen Jahr sollte das 125jährige Jubiläum gefeiert werden. Trautwein schilderte das so: „Krieg und politischer Gegenwind fordern den Vorstand heraus, nun erst recht zu einer angemessenen Feier und Besinnung einzuladen. Pfarrer Goebels kauft sich eine neue Schreibmaschine, um die Programme und Handzettel gut lesbar zu gestalten. Aber wieder setzen Gespräche und regelrechte Verhöre durch die Gestapo ein. Obwohl Programme und Handzettel schon fertiggestellt sind, ergeht ein amtliches Verbot der Jubiläumsfeier 1941. Pfarrer Goebels bringt trotzdem Programme unter die Leute – mit dem Aufdruck: „Verboten durch die NSDAP”. Mit der Zerstörung Frankfurts verlor auch die Bibelgesellschaft die Grundlagen ihrer Arbeit.

Ab 1946 finden sich wieder Dokumente im Archiv. Die Zeit war zunächst geprägt durch eine „Bibelnot”. Mit Hilfe der amerikanischen und britischen Bibelgesellschaften konnten große Mengen von Bibeln gedruckt und verteilt werden. Propst Goebels suchte, auch die Frankfurter Bibelgesellschaft wieder aufzubauen und auszuweiten. So stellte Goebels engere Beziehungen zum Missionsverein und über diesen zur Baseler Mission her. Das führte dazu, dass die Frankfurter Bibelgesellschaft die Übersetzung der Bibel in die Sprache der Glavda, eines Volkes in Nord-Nigeria, unterstützte.

1973 übernahm Propst Dieter Trautwein den Vorsitz der Bibelgesellschaft. Auf seine Initiative hin wurde 1978 im Nachbargebäude der Propstei, Saalgasse 15 ein Missonszentrum eingeweiht. Neben der „Beauftragten für Mission und Öekumene” und dem Pfarrer für „Ökumene und Ausländerarbeit” fand hier auch die Bibelgesellschaft ein zu Hause. Die Einweihung stand unter dem Thema „Bibel braucht Boten”. Damit wurde für die Bibelgesellschaft ein Perspektivwechsel dokumentiert. Neben das Den-Menschen-die Bibel-bringen trat die Erklärung der Bibel. Im neuen Zentrum begann eine Beratungsarbeit zu allen Fragen, die mit der Bibel zusammenhängen. Auch Trautwein suchte die Verbreiterung der Basis der Bibelgesellschaft. Ab 1980 galt sie als „Evangelisches Bibelwerk für Hessen und Nassau”. Das schlug sich dann auch in der Zusammensetzung des Vorstandes nieder, der nun nicht mehr nur noch aus Frankfurtern bestand. Nach seinem Ausscheiden aus dem Propstamt im Jahre 1988 wurde Trautwein für die Arbeit als „Beauftragter für das Ev. Bibelwerk in Hessen und Nassau” freigestellt. Nun wurden in Gemeinden der gesamten Landeskirche Bibelfeste gefeiert und Gottesdienste zu den Bibelsonntagen angeboten. Seminare zum Umgang mit der Bibel wurden angeboten und Anleitung zum „Kirchen-Tanz”. Und man löste sich langsam vom Missionszentrum. Im Januar 1991 zog die Bibelgesellschaft in das Gemeindehaus der Emmausgemeinde in der Eschersheimer Zehnmogenstraße 46. Dort hatte man mehr Platz für die eigenen Veranstaltungen und baute eine Dauerausstellung zur Bibel auf.

In Fortführung dieser Linie verfolgte Pfarrer Jürgen Schefzyk das Ziel eines Bibelmuseums. So konnte im Jahre 2003 das „Bibelhaus Erlebnis Museum” im ehemaligen Gemeindezentrum der deutsch-reformierten Gemeinde, Metzlerstr. 19 eröffnet werden. Hier werden seitdem Kultur, Geschichte und Lebenswelt der Bibel dem Besucher nahe gebracht. Ausstellungsobjekte vom Beduinenzelt bis zum Nachbau eines Fischerbootes und Originalfunde aus der Zeit Jesu veranschaulichen die Bibel.

Sonderausstellungen wie kürzlich „Luthers Meisterwerk” mit hervorragenden Bibeldrucken finden in der Öffentlichkeit Interesse.

Schluss

Unter den evangelischen Vereinen in Frankfurt zählt die Bibelgesellschaft nicht zu den großen. Aber sie ist der älteste Verein und einer, der sich mit der Kernaufgabe der Kirche, der Weitergabe des Euangelions, der guten Botschaft, befasst. Dabei bedient sie sich mit Erfolg moderner Formen der Vermittlung.

1Schlögl, Alter Glaube, S. 229.

2Albert, Innere Mission, S. 481.

3Dechent, Die Entwicklung, S. 201.

4Kleinstück, Geist und Kirche, S. 39-41.

5Kleinstück, Geist und Kirche, S.41-43; Dechent, Kirchengeschichte II, S. 205-210.

6Zitiert nach Dechent, Dechent, Kirchengeschichte II, S. 207.

7Theologische Manuskripte: Schrift gegen Pfarrer Starck 1734,(Senckenbergarchiv, Mappe 84, zitiert nach Buß, Starck, S. 81.

8Zitiert nach Kleinstück, Geist und Kirche, S. 42.

9Kleinstück. Ebd., S. 44-46; Dechent, Kirchengeschichte II, S. 187-191; Boehncke/Sarcowicz, Litersturgeschichte, S. 108-113..

10Goethe: Autobiographische Schriften II, Goethes Werke, Band 10, Hamburger Ausgabe, München 1998, S. 41-45.

11Boehncke/Sarcowicz, Literaturgeschichte, S. 111.

12„Goldenes Schatzkästlein der Kinder Gottes, deren Schatz der Himmel ist.”

13Dechent, Kirchengeschichte II, S. 192.

14Kirchengeschichte II, S. 192.

15Dechent, Kirchengeschichte II, S. 193

16Kleinstück, 150 Jahre, S. 213.

17 1. Aufl. 1819 mit Anmerkungen, 2. Aufl. 1923 ohne Anmerkungen, Ausgabe letzter Hand 1855 mit Anmerkungen.

18Trautwein, Eine Geschichte, S. 21.

19 Dechent , Kirchengeschichte II, S.321.

20Kleinstück, Geist und Kirche, S.57 f.

21Trautwein, Lieder zur Bibel, S. 49

22Trautwein, Lieder der Bibel, S. 50.

23Trautwein, Eine Geschichte, S. 21.

24Trautwein, Eine Geschichte, S. 21.

25Hierzu und zum folgenden: Trautwein, Eine Geschichte, S. 27 f.

26Trautwein, Eine Geschichte, S. 28-30.

27Trautwein, Eine Geschichte, S. 34.

28Trautwein, Eine Geschichte, S. 34.

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