Anfänge des evangelischen Vereinslebens zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Aufbruch und Mission – Anfänge des evangelischen Vereinslebens zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Vortrag im Frankfurter Bibelhaus am 21. September 2016

von

Jürgen Telschow

Meine Damen und Herren,

1. Um zu verstehen, welche Bedeutung die Vereine Anfang des 19. Jahrhunderts hatten, muss man sich die gesellschaftlichen Verhältnisse bis Ende 18. / Anfang des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigen. Der Staat, den man heute als Ständestaat bezeichnet, war geprägt dadurch, dass ihn privilegierte Stände dominierten und regierten. In ihm galt als Gesellschaftsmodell die Ständeordnung. Die gesellschaftliche Position der Einwohner ergab sich aus dem Stand, in den sie hinein geboren wurden und aus dem sie in der Regel nicht ausbrechen konnten. Die Standeszugehörigkeit bestimmte auch die Rechte, die eine Person in Staat und Gesellschaft hatte. Und aus ihr ergab sich eine Rangfolge, die den Wert des einzelnen Menschen bestimmte. In Frankfurt z. B. galt folgende Zuordnung: 1. Stand: Schultheiß, 14 Schöffen (die Mitglieder der ersten von drei Ratsbänken), dazu die Mitglieder der Patrizierfamilien. 2. Stand: Ratsherren der zweiten Bank (vornehme und namhafte Großhändler). 3. Stand: Ratsherren der dritten Bank (Vertreter ausgewählter Zünfte, Klein- und Detailhändler, Juristen, Notare). 4. Stand: Handwerker. 5. Stand: Tagelöhner und Hausgesinde. Für sie alle regelte die Kleiderordnung abgestuft, wie viel Stoff welcher Art, welche Borten, welche Hauben usw. jeweils verwendet werden durften. Für Auswärtige galten Sonderregelungen. Juden waren mit einem gelben Ring gekennzeichnet und die Scharfrichter mit drei farbigen Bändern am Ärmel. Goethe bemerkte übrigens in seiner Farbenlehre, dass das bräunlich eingefärbte Gelb der Judenringe für ihn zur Farbe „der Schande, des Abscheus und Mißbehagens” geworden sei. Schloss man sich mit anderen zusammen, so i. d. Regel innerhalb dieser Stände: die Adligen in den Gesellschaften Alten Limpurg und Frauenstein, Handwerker und Kaufleute in über 30 Zünften, die Gesellen in Bruderschaften. Hier ging es um Standesinterressen, aber auch um soziale Fürsorge und Geselligkeit.

2. Veränderungen in diesem Denken brachte die Aufklärung. Staat, Kirche und andere, seither als von Gott vorgegebene, Organisationen gesehen, sah man nun als Menschenwerk. Das Individuum gewann an Bedeutung. Dies wird erstmals mit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776 politisch relevant. Dort hieß es: „dass alle Menschen gleich geschaffen wurden; dass sie von Ihrem Schöpfer mit bestimmten unverlierbaren Rechten ausgestattet sind; dass darunter das Recht auf Leben, auf Freiheit und das Streben nach Glück sind;” 1789 folgte die Französische Revolution mit der Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber noch 1848 waren Freiheit und Gleichheit das große Thema. Ernst Moritz Arndt, prominentester Achtundvierziger, äußerte am 1. August 1848 in der Paulskirchenversammlung: Ich alter Plebejer, … ich sollte gleichsam durch mein Gemüt für den Adel sprechen; aber, wie ich glaube, ist es eine alte Lehre, daß wir alle Adams Kinder sind, daß wir alle Eines Stammes, Eines Blutes, Einer geistigen Würdigkeit sind. Ich erinnere an den Scherz, den der große Plitt in seiner frühesten Jugend über die englische Nobility fliegen ließ...: Wenn Gott alles zweckmäßig gemacht hätte, so gäbe es gleichsam zwei Menschengeschlechter; das eine Geschlecht wäre geschaffen worden mit Sporen, und der andere Teil mit dem Sattel geboren.”1

Anfang des 19. Jahrhunderts hatten also die Menschen viele Bindungen und Fesseln geistiger, religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Art abgestreift. Die neue, bürgerliche Welt war eine Gesellschaft der Individuen, die nicht mehr so sehr traditiongeleitet leben mussten, sondern eigenen Vorstellungen folgen konnten. Wenn von Freiheit und Gleichheit die Rede war, dann gehörten dazu auch die Versammlungsfreiheit und die Vereinigungsfreiheit; also die Freiheit, sich mit anderen über Standesschranken hinweg und auf Augenhöhe zu versammeln oder zu vereinigen, und das in einer rechtlich gestalteten Form. Dazu bot die Vereinsform bis dahin nicht gekannte Möglichkeiten. Konnte man sich hier doch interessengeleitet und unabhängig von Kirche und Staat selbst organisieren. So gestand z. B. das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 den Bürgern die Vereinigung zu Gesellschaften zu, sofern sie nicht politischen Zielen dienten. Vereins- und Versammlungsgesetze wurden allerdings erst ab den 1850er Jahren üblich. Der Weg zu dem heutigen Vereinswesen war aber noch weit.

3. Blickt man nun auf Frankfurt, so öffnete der wie ein absolutistischer Monarch ab 1806 regierende Karl von Dalberg mit seinen Reformen dem neuen Denken Tür und Tor. Führte er doch u. a. die Gleichberechtigung aller Untertanen, eine Reform des Polizei- und des Armenrechts und eine Schulreform herbei. Allerdings sahen die Frankfurter ihn als Unterdrücker, und empfanden diese Reformen nicht unbedingt als Befreiung. Sie standen offenbar zu sehr unter dem Eindruck des französischen Diktats. Befreiung und Freiheit empfand man 1813 nach der Vertreibung der Franzosen und erst recht nach dem Abschluss des Wiener Kongresses 1815. Gingen doch damit kriegerische Zeiten zu Ende, die Frankfurt zwischen 1792 und 1806 fünfmal die Besetzung durch französische Truppen und 1813 den Durchzug feindlicher und befreundeter Heere gebracht hatten, jedes Mal verbunden mit Einquartierungen, Requirierungen und hohen Kontributionszahlungen sowie dem Einschleppen von Krankheiten. Aber die Frankfurter und Frankfurterinnen nutzten nun die Vereinigungsfreiheit und gründeten Vereine: 1808 die Museumsgesellschaft, 1813 den Frankfurter Frauenverein, 1816 die Polytechnische Gesellschaft, 1817 die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft, 1821 der Cäcilienverein und 1824 den Physikalische Verein. Eine bunte Mischung ist das: Pflege der Musik und soziales Engagement, Förderung der Naturwissenschaften und der Technik. Zum Vergleich sei gesagt, dass der erste Karnevalsverein im Rhein-Main-Gebiet erst 1832 und der älteste Frankfurter Sportverein, der Frankfurter Ruderverein, 1865 gegründet wurden. Bemerkenswert ist vor allem, dass sich in einer Zeit, da es die Gleichberechtigung der Frauen noch nicht gab, im Frauenverein Frauen zusammen taten. Sie wollten den Opfern des Krieges helfen und weiteten ihre Tätigkeit dann sehr früh zu einem großen Wohlfahrtsunternehmen aus.

4. Wie steht es nun mit den kirchlichen Vereinen? 1816 wurde die Frankfurter Bibelgesellschaft gegründet, 1819 der Frankfurter Missionsverein und im gleichen Jahr der Sachsenhäuser Kirchenverein. Ihnen folgten in den 1830er Jahren ein Jungmännerverein und ein Verein zur Förderung christlicher Erkenntnis und sowie etwas später die Anfänge der Inneren Mission. Sieht man vom Sachsenhäuser Kirchenverein ab, so stand hinter diesen Vereinsgründungen vor allem eine missionarische Absicht. Aufbruch und Mission. Aber von nun an organisierte sich im 19. Jahrhundert kirchliches Engagement überhaupt ganz überwiegend in Vereinsform. Für alle diese und die noch kommenden kirchlichen Vereine gilt, was Jürgen Albert für die Innere Mission formuliert hat2: sie bedeuteten „ die erste Lebensform des Protestantismus, die nicht mehr schicksalhaft vorgegeben ist, sondern Folge persönlicher Entscheidung, bürgerlich-gestalterischen Bewusstseins und so bereits formal Ausdruck säkularer Daseinsauffassung ist.” Bemerkenswert ist hierbei, dass nun nicht etwa die Rationalisten oder die politisch bzw. kulturell Interessierten sofort Gebrauch davon machten, sondern die Pietisten. Die ersten kirchlichen Frankfurter Vereine wurden von Menschen initiiert, die aus dem pietistisch-erwecklichen Milieu stammten und religiöse Ziele verfolgten. Kennzeichnend für die Vereine war, auch dass sie aus einer gewissen Distanz zur offiziellen Kirche heraus entstanden und auch eine gewisse Distanz zu dieser wahrten. Das verwundert nicht. War doch die lutherische Mehrheitsgemeinde in jeder Hinsicht vom Staat abhängig: die wichtigen kirchlichen Entscheidungen wurden vom Rat bzw. dem Senat der Stadt Frankfurt getroffen, und über eigene finanzielle Mittel verfügte die lutherische Gemeinde auch nicht. Allerdings wirkten Pfarrer an all' diesen Vereinsgründungen entscheidend. Auch war der spiritus rector von Bibelgesellschaft und Missionsverein, Johann Friedrich von Meyer, Mitglied des lutherischen Konsistoriums und Verfasser einer vom Predigerministerium empfohlenen Bibelübersetzung. Außerdem trugen diese Vereine überkonfessionellen Charakter, indem dort lutherische und reformierte Pfarrer und Gemeindeglieder gemeinsam tätig wurden.3

Für die Kirche insgesamt hatte das überaus positive Auswirkungen: Diese Formen der überlokalen und organisierten religiösen Bewegung, mit der aus allen Konfessionen und fast allen Schichten heraus versucht wurde, dem Christentum wieder einen Sitz in einer sich verändernden Gesellschaft zu geben, so dass Religion, Gemeinschaftsbildung und moderne Individualität erneut zusammenfinden konnten, stellten das verkirchlichte Christentum in eine neue Welt.”4 Denn: Erst über die Vereine eröffnen sich dem Protestantismus die soziale Welt und die soziale Aufgabe.”5

5.Bevor ich mich nun näher mit den einzelnen Vereinen befasse, möchte ich an der Person von Johann Friedrich von Meyer zeigen, was der Nährboden für ein solches kirchliches Engagement war. Ich tue das auch weil in ihm die vielleicht bedeutendste evangelische Persönlichkeit im Frankfurt jener Zeit sehe. Der studierte Jurist spielte in Kirche und Stadt eine wichtige Rolle. Das lag auch an seinen weit gefächerten theologischen, altphilologischen, historischen und literarischen Interessen. Geboren am 12. April 1772 in Frankfurt, begann er mit 22 Jahren seine juristische Tätigkeit als Anwalt beim Reichskammergericht in Wetzlar. Dauerhafte Tätigkeiten beim linksrheinischen Fürsten von Salm-Kyrburg und beim Mannheimer Appellationsgericht scheiterten an der Annexion linksrheinischer Gebiete durch Frankreich.6 So kam er 1802 nach Frankfurt zurück. Schon vorher hatte er im Jahr 1800 ein biblisches Epos „Tobias” in Hexametern verfasst. Im ihm befreundeten Brentano-Kreis hatte man es als Zeugnis der Romantik begrüßt.7 So leitete er von 1802 bis 1804 das Frankfurter Theater. Als er sich dort nicht durchsetzen konnte, machte ihn Karl von Dalberg zum Stadtgerichtsrat. 1816 wurde er Mitglied des Senats und Vizedirektor des lutherischen Konsistoriums. Dreimal war er Älterer Bürgermeister, mehrfach Frankfurts Gesandter beim Bundestag. 1837 wurde er Stadtschultheiß.

Meyer hatte anfangs dem Rationalismus angehangen, dann aber eine Wandlung vollzogen. Ab 1806 trat er stärker als „Erweckter” und Goethekritiker in Erscheinung. Um eigene Bibelforschungen betreiben zu können, lernte er mit 35 Jahren hebräisch. Seine eigenen Forschungen brachten ihn zu der Erkenntnis, dass Luthers Bibelübersetzung nicht mehr dem neuesten Forschungsstand entsprach. Deshalb brachte er 1819 eine eigene Bibelübersetzung aus dem hebräischen und griechischen Urtext mit kurzen Anmerkungen heraus.8 Seine Erläuterungen waren bahnbrechend und noch lange für pietistische Kreise maßgebend. Die Notwendigkeit einer „berichtigten” Bibelübersetzung begründete er 1822 so: „… Was längst England, Holland, was längst Spanien getan hat, eine streng berichtigte Bibelübersetzung liefern, und in Jedermanns Hände geben, das gebührt uns Teutschen wohl, die wir in der Übersetzungskunst keinem Volke nachstehen, und im Übersetzen uns durch Gottes Gnade die ältesten Bemühungen zuschreiben dürfen. Wir, von denen das Wort Gottes in der Volkssprache ausging, wir sollten zurückbleiben? Ja, wir sollten Luther so verunehren, dass wir seine Mängel verewigen? … In die Fußstapfen Luthers dieses großen Übersetzers, zu treten” heißt „sorgfältiger noch in die Fußstapfen der Apostel und Propheten des Herrn und des Geistes zu treten... Ich sage aber davon, daß Niemand wähnen möge, er müsse auch Luthers Gebrechen heilig achten, weil er lutherisch oder evangelisch heißt. Sondern man ehre den Lehrer in der Nachfolge, d. i. in gleichem redlichen Streben nach Verbesserung durch Gottes Licht und Wahrheit. So sind wir Christi, und eines Anderen wollen wir nicht sein.”9 Die Universität Erlangen verlieh ihm dafür die theologische Doktorwürde.10 Er wurde der „Bibel-Meyer”. Ebenso erfolgreich in diesen Kreisen war er mit den 1832 in elf Bänden abgeschlossenen „Blättern höherer Wahrheit”, die als Inbegriff einer christlichen Glaubenslehre die Anfänge des Historismus zeigen. 1849 starb er in Frankfurt.

6.Wenn man es genau nimmt, dann war die erste evangelische Vereinsgründung in Frankfurt die der Christentums-Gesellschaft, 1784 als Zweigverein dieser Gesellschaft. gegründet. Sie hatte, von dem Augsburger Theologen Johann August Urlsperger gegründet, ursprünglich den Zweck, die reine Lehre aufrecht zu erhalten. Ihr Ziel war die „Verteidigung christlicher Wahrheit gegen Deismus und Rationalismus.” Sie entwickelte sich dann aber zu einem Verein der inneren und äußeren Mission. Er hatte offenbar in Frankfurt zunächst eine ausreichende Zahl von Anhängern, hat aber keine weiteren Spuren hinterlassen.11

So kann man die Gründung der Frankfurter Bibelgesellschaft im Jahre 181612 als die erste nachhaltige kirchliche Vereinsgründung in Frankfurt betrachten.13 Sie verdankt ihre Gründung vor allem Johann Friedrich von Meyer, dem „Bibel-Meyer”, und dem Kaufmann Johann Daniel Claus, Pfarrerssohn und der „Bibel-Claus”. Zu nennen sind aber auch die Pfarrer Remigius Fresenius und Jakob Ludwig Passavant. Sie alle waren in der Frankfurter Geschichte verwurzelt: Passavant als guter Bekannter von Goethe und Lavater, Claus als Sohn des Freundes der Klettenberg und Fresenius als Enkel des gleichnamigen Seniors.14 Schon 1810 hatte sich in Frankfurt ein Kreis zusammengefunden, der Spenden für die Baseler Bibelgesellschaft sammelte und dafür Bibeln zur Verteilung erhielt. Unterstützung erhielt er bald aus Großbritannien. Denn der Sekretär der britischen Bibelgesellschaft, der deutsche Pfarrer Carl Friedrich Arnold Steinkopf - er hatte früher schon in der Christentumsgesellschaft mitgewirkt - knüpfte bei einem Besuch in Frankfurt 1813 Kontakte zu diesem Kreis und vermittelte eine finanzielle Unterstützung der Frankfurter Arbeit. Auf Reisen durch Deutschland, die er in den Jahren 1812 und 1815 im Auftrag der britischen Bibelgesellschaft unternahm, hatte er festgestellt, dass es an vielen Orten eine Nachfrage nach Bibeln gab, die von den Kirchen nicht befriedigt werden konnte. Deshalb regte er überall die Gründung von Bibelgesellschaften an, die die Menschen mit preiswerten Bibeln versorgen sollten.15 So wurde die Frankfurter Bibelgesellschaft zunächst als Tochtergesellschaft der britischen Bibelgesellschaft gegründet.

Der satzungsmäßige Zweck der Bibelgesellschaft war die „Ausbreitung der Heiligen Schrift ohne Noten und Anmerkungen.” Dies war eine Auflage der britischen Bibelgesellschaft. J. F. von Meyer, der inzwischen Präsident war, äußerte dazu in der Jahresfeier 1822: „Daß nach dem Gesetz der Bibelgesellschaft nur der Text ohne bloße Anmerkungen ausgeteilt wird, beruht unter anderem auf dem guten Grunde, weil das Gelehrte in der Bibel nicht selig macht, sondern das, was ohne große Gelehrsamkeit kann verstanden und geübt werden. Der Weg des Heils in Christo geht nicht durch den Wald gelehrter Kenntnisse, sondern durch den Acker des Glaubens, der Früchte der Geduld und der Liebe trägt.”16 Für Dieter Trautwein wurde hier die „Ursprache pietistischer Frömmigkeit” laut.17 In der Frankfurter Bibelgesellschaft dachte man ökumenisch.18 Hier wirkten Lutheraner und Reformierte zusammen. Man verteilte auch katholische Bibeln und Testamente. Selbst Juden hatten Interesse an den Bibeln. Allerdings hatte der katholische Bibelübersetzer Professor Leander van Eß erhebliche Probleme mit der Anerkennung seiner Arbeiten durch den Episcopat. Noch der päpstliche „Syllabus” von 1864 nannte als verdammenswert neben Sozialismus, Kommunismus und Geheimgesellschaften die Bibelgesellschaften und kirchlich-liberalen Vereinigungen.

Die Verbindung mit den Briten löste sich 1827, nachdem man sich mit ihnen über den Stellenwert der apokryphen Bücher in Deutschland gestritten hatte. Die Bücher Judith, Weisheit Salomos,Tobias, Jesus Sirach, Baruch oder die beiden Makkabäerbücher waren auch von Luther nicht als der Heiligen Schrift gleichwertig angesehen. Aber Luther hatte es doch für nützlich gehalten, sie zu lesen. So wurden sie in Deutschland traditionell mitgedruckt. Hier verbreitete man diese Schriften gerne. Die Briten lehnten dies aber ab. Als die Frankfurter sich dem nicht anschlossen, verloren sie die finanzielle Unterstützung der Briten.19 Diese errichteten in Frankfurt eine eigene Agentur für ihre Bibeln, die in ihrer Wirksamkeit die Frankfurter Bibelgesellschaft überflügelte. Mitte des 19. Jahrhunderts erfuhr die Frankfurter Bibelgesellschaft so einen Niedergang, der sie in ihrer Existenz bedrohte. Später gewann sie durch die Aktivitäten des Seniors Krebs wieder deutlich an Zuspruch. Krebs erreichte im Lutherjahr 1883, dass der Sonntag Sexagesimä zum Bibelsonntag gemacht wurde. Nach dem 2. Weltkrieg fühlten sich vor allem die beiden Frankfurter Pröpste Karl Goebels und Dieter Trautwein für dieses Erbe verantwortlich. Eine in fast zweihundert Jahren nicht erlebte Blüte erreichte sie mit der Verwirklichung von Trautweins Idee von einem Bibelhaus. Sichtbares Zeichen ist das Bibelmuseum, wie wir es heute hier sehen und erleben können.

6. Schon drei Jahre nach der Bibelgesellschaft wurde am 17. November 1819 der Frankfurter Missionsverein gegründet, wieder auf Anregung Johann Friedrich von Meyers.20 Den Anstoß dazu gab die Gründung der Basler Missionsgesellschaft 1816, mit der bis in die Gegenwart enge Beziehungen gepflegt werden. Meyer war allerdings skeptisch bezüglich der Entwicklung des Vereins und äußerte in einem Briefe: So wohltätig sich auch die hiesigen Reichen gegen nahe und ferne Arme bewiesen haben, wofür sie der Vater im Himmel belohnen wolle, so ist Ihnen doch bekannt, dass auch unter wohlwollenden Menschen dieser Klasse für Dinge wie das Missionswesen weniger Empfänglichkeit als unter Minderbemittelten zu wohnen pflegt, und diesen musste man in diesem Augenblicke Nachsicht schenken.”21 Aber Meyer fand in den Pfarrern Alexander Stein, Jakob Ludwig Passavant, Anton Kirschten und Johann Christoph Spieß sowie dem Laien Johann Justus Finger Mitstreiter. Auch hier wirkten also Lutheraner und Reformierte zusammen. Den Vorsitz übernahm Kirschten. Von vornherein sah man davon ab, eigene Missionare auszusenden. Stattdessen pflegte man enge Kontakte zur Basler Missionsgesellschaft, unterstützte aber auch die rheinische Missionsgesellschaft und den Berliner Missionsverein. Zehn Jahre später erlebte der Verein schwierige Zeiten. Die Einnahmen gingen zurück und auch die Beteiligung der Mitglieder, so dass einige Jahre die Mitgliederversammlungen der Bibelgesellschaft und des Missionsverein gemeinsam abgehalten wurden. Einen eigenen Missionsprediger erhielt Frankfurt 1857. Zunächst war dies der Baseler Missionar Albrecht, ab 1865 der Missionar Jakob Strobel. Aber letztlich war auch dem Missionsverein keine große Wirksamkeit beschieden. Nach dem 2. Weltkrieg engagierte sich hier Propst Karl Goebels ganz besonders. Er knüpfte und pflegte die Beziehungen zur Frankfurter Partnerkirche in Ghana. Nach einem Besuch in Ghana entwickelte er die Idee eines Studentenheimes für afrikanische Studenten in Frankfurt. Das Projekt stand aber unter keinem guten Stern. Verwirklicht werden konnte es, weil ein Großkirchensteuerzahler aus dem Rhein-Main-Gebiet seine weiteren Kirchensteuerzahlungen davon abhängig machte, dass er über die Verwendung der Mittel mitbestimmen könne. Die evangelische Kirche in Hessen und Nassau ließ sich hierauf ein. In Praunheim entstand Ende der 1960er Jahre ein Gebäude dafür. Als es fertig gestellt war, stellte sich heraus, dass es an der Frankfurter Universität gar keine entsprechenden Studenten gab. Zudem entwickelte sich das Verhältnis zum Stifter schwierig. Letztlich wurde zahlte der Evangelische Regionalverband den Stifter aus. Die kleine Gruppe der Mitglieder um Karl Goebels kümmerte sich nun unter großen persönlichen Opfern um Fachschüler aus Afrika, die Unterstützung dringend brauchten. Einige Zeit später zog in das Gebäude das Zentrum für Mission und Ökumene der EKHN. So fand das Gebäude doch eine Nutzung, die einen Bezug zu den ursprünglichen Motiven hatte. Der Verein aber löste sich in den 190er Jahren auf.

9.Von dem Sachsenhäuser Kirchenverein, der ebenfalls 1819 von Pfarrer Alexander Stein gegründet wurde, wissen wir wenig. Er hatte die Aufgabe, jeweils nach dem Gottesdienst Spenden für die Armen zu sammeln. Rein äußerlich knüpfte er damit an die Praxis der Reformationszeit an. In der Dreikönigskirche erinnert noch heute eine Holztafel aus jener Zeit an den Aufruf an die Gemeinde, für die Armen zu spenden. Inhaltlich kann man diesen Verein als die erste Vereinsgründung mit diakonischer Zielsetzung sehen. Eine Verbindung mit der späteren Inneren Mission lässt sich aber nicht herstellen.

10. Die Frankfurter Situation in der Folgezeit beschrieb der bekannte Theologe Willibald Beyschlag in seiner Autobiographie22 so: Inmitten der überlieferten Kirchlichkeit, welche gewiß bei vielen mit ernster Gottesfurcht verbunden war, aber dem unbewußt rationalistischen Zuge der Zeit kein Hinderns bereitete, fanden sich einzelne „Stille im Land”, Epigonen jenes Kreises, denen einst Goethes ,schöne Seele’ angehört hatte, und befriedigten tiefere religiöse Bedürfnisse in privaten Zusammenkünften. Da auf einmal loderte die in Deutschland allenthalben glimmende religiöse Erweckung auch in Frankfurt auf. Ein reichbegabter Prediger, durch Verwandtschaft den ersten Familien nahestehend, Pfarrer (Alexander) Stein an der Heiligengeistkirche, wurde Träger derselben; seine lebendigen Predigten, im Verein mit einer edlen, herzgewinnenden Persönlichkeit, übten eine ungemeine Anziehung.”23

11.Hieraus erwuchsen in den 1830er Jahren zwei weitere Vereinsgründungen. Das, was man später Innere Mission und Evangelische Jugendarbeit nannte, hatte seine Anfänge im Frankfurt der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts und entwickelte sich aus kleinen pietistischen Aktivitäten.24 Vorbereitet wurden diese durch den seit dem 1. April 1834 erscheinenden „Hausfreund”. Der Hausfreund veröffentlichte biblische Betrachtungen, Lebensbeschreibungen, Gedichte und Mitteilungen aus der Mission. Das Blatt erschien im Verlag Brönner. Herausgeber war der Pfarrer Johannes Daniel Richter in Praunheim, das damals zu Hessen-Kassel gehörte. Übrigens gab Richter zusammen mit den Pfarrern Johann Georg Zimmer, Jean Louis Bonnet und Caspar Konrad Glöckler ab 1837 noch eine zweite Zeitschrift heraus. Der „Christliche Beobachter” wollte frei und rücksichtslos solchen Erscheinungen in der Literatur und dem öffentlichen Leben in Kirche und Staat, deren unmittelbare Beziehung ihm klar geworden, zum Gegenstand der Erörterung machen und den Richtersprüchen des Gotteswortes unterwerfen, unbekümmert darum, ob das dadurch gewonnene Urteil mehr oder weniger den herrschenden Meinungen zusage oder nicht.”25 Diese Zeitschrift ging 1847 ein, möglicherweise weil die Polemik doch nicht so viele Leser anzog.

11.Jedenfalls trafen sich im Haus eines gewissen Lix in der Ankergasse 18 junge Männer in diesem Geiste und gründeten am 18. Oktober 1835, dem Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, im Hause des Pfarrers Johann Georg Zimmer einen Jünglingsverein, der sich 1837 „Hilfsverein junger Männer aus dem Gewerbestande” nannte. Da der Jüngling nicht mehr Kind und noch nicht Mann war, entsprach er etwa dem heutigen Jugendlichen. Als einer der ersten (deutschen) Vereine dieser Art nahm er also die männlichen Jugendlichen in den Blick, auch wenn die schnelle Namensänderung doch auf Ältere schließen lässt. Allerdings ging es um Lehrlinge und Junggesellen aus dem Gewerbestand, keineswegs um alle Jünglinge. Ganz klar war die pietistische Ausrichtung. 1862 fusionierte der Verein mit einem weiteren, 1849 unter dem Eindruck Johann Hinrich Wicherns gegründeten, Jünglingsverein. Man lehnte sich an den Verein für Innere Mission an und erhielt von dem ein Vereinslokal im Zimmerhof und die Möglichkeit, eine „Herberge zur Heimat” zu schaffen. 1880 folgte ein Lehrlingsheim. Daraus ergab sich eine Mischung von Jugendevangelisation, Jugendbildungs- und Kulturarbeit sowie Jugendsozialarbeit. Die Arbeit für und mit der weiblichen Jugend setzte dagegen viel später ein und war zunächst reine Jugendsozialarbeit. Der 1861 gegründete Magdalenenverein bot Mädchen und Frauen aus der Prostitution eine Herberge. Der 1866 gegründete Marthaverein schuf Unterkunft und Bildungsmöglichkeiten für von außerhalb nach Frankfurt zuziehende Mädchen.

Vertreter der zuvor beschriebenen pietistischen Kreise gründeten am 6. Oktober 1837 auch den „Evangelischen Verein zur Förderung christlicher Erkenntnis und christlichen Lebens”.26 Dieser Verein hatte einen leitenden Ausschuss und arbeitete darunter in verschiedenen Kommissionen. Er hielt Bibelstunden, verbreitete erbauliche Literatur und eröffnete eine christliche Leihbibliothek. Predigerministerium und Gemeindevorstand unterstützten das nicht. Aber im Gegensatz zu den radikalen Speneranhängern bestand hier nicht die Gefahr der Absonderung. Die Vereinsaktivitäten bestanden vor allem aus Vorträgen und Bibelstunden sowie der Herausgabe der Zeitschrift „Der christliche Hausfreund” ab 1835.27

11.Um Aufbruch und Mission ging es also. Wir haben gesehen, wie sich infolge der Aufklärung der Mensch von den herkömmlichen Bindungen und den sie repräsentierenden Organisationen emanzipierte. Für die evangelische Kirche bedeutete das, dass sich neben der offiziellen, noch immer vom Staat vollkommen abhängigen Kirche, christliches Engagement in Vereinsform entwickelte. Interessanter Weise war es aber nicht der rationalistische Flügel der Kirche, der hier aktiv wurde, sondern der pietistische. Dem entsprechend sehen wir vor allem missionarische Aktivitäten. Die Anstöße für die ersten beiden Vereine kamen von außen: bei der Bibelgesellschaft von der britischen Bibelgesellschaft, beim Missionsverein von der Basler Mission. Bei der Bibelgesellschaft kam auch die Finanzierung von außen. Als man sich von der britischen Gesellschaft aus theologischen Erwägungen trennte, gab es einen Niedergang. Beim Missionsverein wurden von Anfang an Finanzierungsprobleme gesehen. Für beide Vereine gab es also keine breitere Unterstützung in der Gesellschaft. Dass beide Vereine trotzdem eine lange Dürrezeit überstanden, ist deshalb erstaunlich. Dass die Bibelgesellschaft sich heute mit dem Bibelhaus so lebendig zeigen kann, verdankt sie ihrer Neuerfindung in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der etwas spätere Jungmännerverein erwies sich jedoch schnell als eine Keimzelle für die alsbald wachsende und gedeihende Innere Mission, aus der dann später das Diakonische Werk hervorging. Vor 200 Jahren wurden so Formen kirchlicher Arbeit entwickelt, die auch heute noch prägenden Charakter haben.

1Zitiert nach Proescholdt: Staat und Volk, S. 58.

2Albert, Innere Mission, S. 481.

3Dienst, Paulskirche, S. 78, unter Bezugnahme auf Jochen-Christoph Kaiser: Konfessionelle Verbände, S. 198 f.

4Schlögl, Alter Glaube, S. 263.

5Albert, Innere Mission, S. 476.

6Trautwein, Eine Geschichte, S. 19 f.

7Kleinstück, 150 Jahre, S. 213.

81. Aufl. 1819 mit Anmerkungen, 2. Aufl. 1823 ohne Anmerkungen, Ausgabe letzter Hand 1855 mit Anmerkungen.

9Trautwein, Eine Geschichte, S. 21.

10Dechent , Kirchengeschichte II, S.321.

11Dechent, Kirchengeschichte II, S. 319.

12Am 4. Januar 1816 im Römer.

13Hierzu und zum Folgenden: Dechent, Kirchengeschichte II, S. 323.

14Dechent, Die Entwicklung, S. 201.

15Trautwein, Eine Geschichte, S. 16.

16Trautwein, Eine Geschichte, S. 21.

17Trautwein, Eine Geschichte, S. 21.

18Hierzu und zum Folgenden: Trautwein, Eine Geschichte, S. 27 f.

19Trautwein, Eine Geschichte, S. 28-30.

20Hierzu und zum Folgenden : Dechent, Kirchengeschichte II, S. 324, 433.

21Dechent, Kirchengeschichte II, S. 324.

22Beyschlag, Aus meinem Leben, Bd. I, 28.

23Zitiert nach Dechent, Die Entwicklung, S. 201 f.

24 S. hierzu Dechent, Kirchengeschichte II, S. 385-388.

25 Dechent, Kirchengeschichte II, S. 386.

26 Dechent, Kirchengeschichte II, S. 387.

27Dechent, Die Entwicklung, S. 202.

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